Vor 1 Stunde - Wörter:
Hinter jedem Pendel schlägt ein Herz - aber nicht immer taktvoll
Quirin und Notker begegnen sich zum ersten Mal
Spielende Charaktere:
@Notker Lotfried @Quirin Thale
Vereinbarung:
- Antwortfrist: 1 Monat
- Wenn länger abwesend:interne Absprache
- Wenn jemand ausfällt: interne Absprache
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Notker hatte sich das eigentlich sehr elegant vorgestellt. Doch wie so oft tangierten seine Vorstellungen die Realität in etwa so häufig, wie zwei Parallelen. Nämlich nie.
Ein kleiner Schritt aus der Wohnung, ein konzentrierter Gedanke an „ruhige Seitengasse hinter der Buchhandlung“, ein kleiner innerer Ruck – und zack, würde er würdevoll, unbeobachtet und halbwegs albenhaft ankommen. Ganz ohne Busfahren, ohne Smalltalk und ohne die Gefahr, jemandem erklären zu müssen, warum seine Jacke nach feuchter Pilzkultur, überreifem Apfelmost und einer Spur Lavendel roch. Teleportieren war schließlich etwas völlig Natürliches. Für Alben. Theoretisch.
Praktisch vergaß Notker nur eine winzige Kleinigkeit:
Er war noch ein wenig aufgewühlt.
Und seine Gedanken waren… sagen wir: nicht akkurat beschriftet. Statt „ruhige Seitengasse hinter der Buchhandlung“ formte sein überfordertes Gehirn offenbar etwas wie: „ruhige, irgendwie bücherige Gasse, hauptsache wenig Menschen, und bitte nichts mit Hagen.“
Das Universum nahm den Auftrag erstaunlich wörtlich.
Der Übergang war wie immer: ein kurzes Ziehen im Magen, als würde jemand sehr bestimmt an seiner Seele zupfen, dann ein leises Plopp – und plötzlich stand Notker tatsächlich in einer Gasse.
Nur leider nicht in der gewünschten.
Er landete zwischen zwei riesigen Müllcontainern, direkt vor der Hintertür eines Asia-Restaurants und exakt in dem Moment, in dem ein Koch einen Eimer mit scharfem Kimchi-Sud ausschüttete.
„Oh“, machte Notker noch.
Dann machte der Sud: schwapppp.
Seine Cordjacke machte: fftsch.
Und Notker machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen beleidigtem Eichhörnchen und defekter Teekanne lag.
Er stand da, stumm vor sich hintropfend, während ein völlig verdutzter Koch ihn anstarrte, als sei er soeben aus einer besonders fragwürdigen Frühlingsrolle geschlüpft.
„Sie… sind einfach aufgetaucht“, sagte der Mann langsam. Notker nickte betreten.
„Ja. Das… äh… passiert mir manchmal.“
Ein Kohlblatt rutschte wie in Zeitlupte von seiner Schulter. Der verdutzte Koch starrte es an, bis es mit einem traurigen Flatsch auf dem Boden landete. Als der Blick des Mannes wieder zu dem Alben glitt, schenkte Notker ihm ein verständnisvolles Lächeln.
„Ich empfehle das Blatt zu kompostieren. Es ist harmlos. Einen schönen Tag noch.“
Damit ließ er den Koch stehen und verschwand um die nächste Ecke.
Ein wenig ziellos und mit sehr intensivem Duftprofil wanderte er durch die Innenstadt von Quedlinburg, um erstmal seinen Kopf wieder frei zu bekommen. Gedankenverlorenes Teleportieren erwies sich als ausgesprochen unzuverlässige Fortbewegungsmethode und Notker nahm sich fest vor, das so bald nicht mehr auszuprobieren. Gleichzeitig wusste er, dass dieser Vorsatz nicht von Dauer sein würde und er ihn spätestens dann vergessen haben würde, wenn ihm einfiel, was er noch Dringendes zu Erledigen hatte – was recht häufig der Fall war, denn wie konnte man auch erwarten, dass man sich an ALLES erinnerte?
Nachdem er sich also erfolgreich nicht teleportiert, sondern ganz altmodisch zu Fuß verlaufen hatte, landete er schließlich in einer Gegend, die ihm angenehm bekannt vorkam.
Direkt gegenüber eines schnuckeligen Pfannkuchencafés, das er regelmäßig mit Jakob frequentierte, fand sich gedrängt zwischen den anderen Fachwerkhäusern der kleine Esoterikladen, den Notker schon immer bemerkt, aber bislang aus gesunder Skepsis noch nicht besucht hatte.
Jakob hatte ihn mal dort hineinschleifen wollen („Nur kurz reinschauen, Notker, ich brauch ein neues Pendel!“), allerdings hatte Jakob sich dann mit einer korpulenten Frau im Batik-Look in eine hitzige Diskussion über Mondphasen und Chakra-Reinigung verwickeln lassen, während Notker verzweifelt versuchte, so zu tun, als gehöre er nicht dazu. Als die Dame schließlich wutschnaubend abgedampft war, weil sein Freund ihr geraten hatte, sie könne ihre Mondphasen auch einfach im Kalender nachschlagen, statt sie emotional nachzuspielen, hatte der Laden bereits geschlossen und das Thema war erstmal erledigt.
Doch nun hatte sich ein ausgesprochen drängender Umstand ergeben, der Notker gewissermaßen mit sanftem, aber unerbittlichem Druck in Richtung dieses sonderbaren Ladens schob. Diesmal war es ausnahmsweise nicht die botanische Neugier, die ihn antrieb – obwohl ihn selbstverständlich seit jeher beschäftigte, ob dort tatsächlich brauchbare magische Pflanzen feilgeboten wurden oder lediglich etwas übermotivierte Küchenkräuter. Nein, der wahre Grund war weitaus heikler: Er benötigte ein möglichst friedensstiftendes, möglichst unverfängliches und hoffentlich halbwegs geschmackvolles spirituelles Mitbringsel, um eine gewisse äußerst sensible Waldnymphe wieder milde zu stimmen – ohne ihr direkt oder indirekt einen Heiratsantrag zu machen. Und das möglichst zügig. Schließlich hatte er – bildlich gesprochen, aber durchaus spürbar – zusätzlich noch einen sehr beharrlichen Alb im Nacken sitzen.
Als Notker den Laden betrat, begrüßte ihn das Mobile über der Tür mit einem trockenen Klappern. Ein feiner Duft aus Kräutern, Räucherwerk und etwas, das nach Erde und alten Geheimnissen roch, stieg ihm in die Nase. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Nicht unangenehm. Ein gutes Zeichen!
Er blieb einen Moment stehen, um die Atmosphäre des Ladens auf sich wirken zu lassen. Er schien eine unwirkliche Mischung aus esoterisch aufgeladenem Niemandsland und Schatzkiste voller ungeahnter neuer botanischer Entdeckungen betreten zu haben, untermalt von dem sanften Knarren alter Holzbohlen.
Mit vorsichtig wachsender Neugier ließ er die Augen über die erste Reihe von Regalen schweifen. Gleich rechts am Eingang, neben einem Korb mit diversen Ölen, glänzten hölzerne Totenköpfe an Spazierstöcken im Licht einer Ölfunzel um die Wette. Sicherlich kein sinnvolles Geschenk für ein Wesen, das sich die Mooshaare mit Rosenwasser pafümierte, befand Notker. Kopfschüttelnd bahnte er sich seinen Weg vorbei an den merkwürdigen Stücken.
Sein Blick wanderte weiter. Puppen in jeglicher Form und Größe auf dem Thresen – er konnte nicht genau sagen, ob sie freundlich oder leicht beleidigt dreinsahen, vermutlich beides. Daneben Räucherwerk, ordentlich sortiert und mit Duftproben: Beifuß, Salbei, Mistel, Johanniskraut. Notker schnupperte vorsichtig. „Ah! Getrocknete Eisenkrautbündel in guter Qualität! Und echter Beifuß, nicht dieses gepanschte Supermarktzeug!“. Seine Laune hob sich sichtlich.
Doch die Kräuter, das Rauchwerk und die unzähligen Steine in allen Farben, Formen und Größen ließ Notker zu seinem eigenen Leidwesen schnell links liegen - mit dem Versprechen, sich später nochmal eingehender damit zu beschäftigen, sobald er ein Geschenk für die Waldnymphe gefunden hatte.
Gerade bei Naturmaterialien war sich Notker ihrer Bedeutung zu unsicher, als dass er es riskiert hätte, der Nymphe nicht doch wieder eine ungewollte Liebesbotschaft zu schicken.
Notkers Füße trugen ihn langsam tiefer in den Laden. Seine Augen huschten über die Kessel, Wurzeln und Athamen mit gewellten Klingen.
Er spürte, wie sein Herz schneller schlug – nicht aus Angst, sondern aus einer Mischung aus Faszination und der leisen Panik, dass ihm jeder falsche Griff eine diplomatische Krise bescheren könnte.
Noch ein Schritt vorwärts, ein vorsichtiges Nicken zu einem hübsch beschrifteten Kräuterbeutel: „Vielleicht. Ja, vielleicht.“
Und schon begann sein Kopf zu summen und das komplette Inventar in zwei Kategorien einzuteilen: brauchbar, das muss ich mir unbedingt noch genauer anschauen vs. Hokuspokus in hübscher Verpackung und höchstens als Weihnachtsgeschenk für unliebsame Verwandtschaft tauglich.